Die Bäume, die sich erinnern.
Lumi traf ihre Entscheidung.
„Ich komme mit dir, Aurelia.“
Die goldene Eule nickte und sofort begannen die Sterne auf der Tür heller zu leuchten.
Koro und Nami lächelten.
„Dann werden wir uns wiedersehen“, sagte Nami.
„Früher als du denkst“, ergänzte Koro.
Der Vergesser kroch inzwischen immer näher.
Dunkle Fäden glitten über das Gras.
Dort, wo sie den Boden berührten, verblassten die Farben.
Die Blumen verloren ihr Leuchten.
Der Wind verstummte.
„Schnell!“, rief Aurelia.
Lumi packte den Sternenkompass.
Finno sprang auf ihre Schulter.
Gemeinsam liefen sie durch die Tür.
Für einen Augenblick gab es nur Licht.
Sternenlicht.
Tausende funkelnde Punkte wirbelten um sie herum.
Lumi hatte das Gefühl zu fallen und gleichzeitig zu fliegen.
Dann berührten ihre Füße wieder festen Boden.
Sie stolperte einen Schritt nach vorne.
Finno landete geschmeidig neben ihr.
Als Lumi aufsah, stockte ihr der Atem.
Sie standen in einem Wald.
Doch kein Wald wie zuhause.
Die Bäume waren riesig.
Ihre Stämme waren so breit wie Häuser.
Silberne Blätter glitzerten zwischen den Ästen.
Manche Blätter bestanden aus Papier.
Andere aus Stoff.
Wieder andere schimmerten wie Glas.
Überall hingen kleine Lichter.
Sie sahen aus wie Sterne, die sich in den Zweigen verfangen hatten.
„Willkommen im Wald der vergessenen Geschichten“, sagte Aurelia.
„Warum heißt er so?“, fragte Lumi.
Die Eule antwortete nicht sofort.
Stattdessen zeigte sie auf den nächsten Baum.
Der Stamm bewegte sich.
Langsam öffnete sich darin ein Gesicht.
Zwei freundliche Augen erschienen.
Ein Bart aus Moos wuchs über die Wurzeln.
Der Baum gähnte.
„Oh“, sagte er.
„Besuch.“
Lumi sprang erschrocken zurück.
Finno versteckte sich halb hinter ihr.
Der Baum lachte.
„Keine Sorge. Ich beiße nur an Regentagen.“
„Du kannst sprechen!“, platzte Lumi heraus.
„Natürlich kann ich sprechen.“
Der Baum wirkte beleidigt.
„Wie sollte ich sonst Geschichten erzählen?“
Aurelia lächelte.
„Lumi, das ist Meister Wurzelbart.“
Der Baum verbeugte sich.
„Erfreut.“
Finno trat vorsichtig näher.
Wurzelbart betrachtete den kleinen Fuchs.
„Interessant.“
Finno blinzelte.
„Sehr interessant.“
Der Baum kniff die Augen zusammen.
„Du trägst Sternenlicht in deinem Herzen.“
Finno legte überrascht die Ohren an.
Lumi runzelte die Stirn.
„Was bedeutet das?“
Doch Wurzelbart antwortete nicht.
Sein Blick wanderte plötzlich zu einem Ast hoch über ihnen.
Dort hing ein einzelnes Blatt.
Es war grau.
Farblos.
Leblos.
Der Baum wurde traurig.
„Schon wieder eines.“
Aurelias Gesicht verfinsterte sich.
„Wie viele heute?“
„Sieben.“
Die Eule schwieg.
Lumi spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Was passiert mit den Blättern?“
Wurzelbart seufzte.
„Jedes Blatt enthält eine Geschichte.“
„Eine echte Geschichte?“
„Jede einzelne.“
Der Baum hob einen Ast.
„Abenteuer. Legenden. Erinnerungen. Träume.“
Lumi staunte.
„Alle Geschichten des Reiches?“
„Nicht alle.“
Wurzelbart blickte in den Himmel.
„Aber viele.“
Plötzlich löste sich das graue Blatt vom Ast.
Es taumelte langsam zu Boden.
Als es die Erde berührte, zerfiel es zu silbernem Staub.
Ein kalter Windstoß fuhr durch den Wald.
Und irgendwo in der Ferne erklang ein Schrei.
Kurz.
Erschrocken.
Dann war wieder Stille.
Lumi bekam eine Gänsehaut.
„Was war das?“
Niemand antwortete.
Stattdessen begann ihr Sternenkompass zu leuchten.
Die Nadel drehte sich.
Einmal.
Zweimal.
Dann blieb sie stehen.
Sie zeigte tief in den Wald.
Auf einen Bereich zwischen den Bäumen, der deutlich dunkler war als alles andere.
Dort gab es keine Lichter.
Keine Farben.
Keine singenden Blätter.
Nur Schatten.
Aurelia wurde blass.
„Nein.“
„Was?“, fragte Lumi.
Die Eule starrte in die Dunkelheit.
„Das dürfte nicht möglich sein.“
„Was denn?“
Aurelia schluckte.
„Der Kompass zeigt auf das Herzarchiv.“
„Was ist das?“
Wurzelbart antwortete diesmal.
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Der Ort, an dem die ältesten Geschichten der Welt aufbewahrt werden.“
Lumi spürte, wie Finno plötzlich erstarrte.
Der kleine Fuchs starrte ebenfalls in die Dunkelheit.
Seine Augen funkelten nicht vor Neugier.
Nicht vor Staunen.
Sondern vor Angst.
Und Finno hatte fast nie Angst.
Dann hörten sie ein Geräusch.
Ein leises Kratzen.
Tief aus den Schatten.
Als würde jemand mit langen Fingern über Papier fahren.