Das Flüstern hinter der Tür

Der Wind begann an diesem Morgen früher zu singen als gewöhnlich.
Lumi bemerkte es sofort.
Normalerweise summte er nur leise zwischen den Ästen der Silberweide, auf der ihr Baumhaus stand.
Heute jedoch klang seine Stimme jedoch anders.
Drängender, trauriger.
Fast so, als würde jemand aus weiter Ferne um Hilfe rufen.

Lumi saß auf dem Dach ihres Baumhauses und ließ die Beine über den Rand baumeln.
Die Sonne kroch gerade über die Baumwipfel.
Goldene Lichtstreifen tanzten durch die Blätter.
Unter ihr erwachte der Wald,
die ersten Singkäfer summten ihre Morgenlieder, eine Gruppe Glühhörnchen sprang zwischen den Ästen umher und aus dem Nebel erklang das leise Lachen eines Bachgeistes.

Alles schien normal.

Und doch fühlte sich etwas anders an.

Finno spürte es ebenfalls.
Der kleine blaue Fuchs hob den Kopf.
Seine Ohren zuckten.
Dann sprang er auf die Pfoten, sein Gesicht wirkte fragend.

„Du hörst es auch, oder?“
Finno nickte.

Der Wind wurde stärker.
Zwischen den Zweigen erklang erneut die fremde Melodie.
Diesmal verstand Lumi einzelne Worte.

„... finde ...“

Der Wind verstummte.
Lumi stand auf.

„Finde was?“

Keine Antwort.

Dann erneut:

„... den verlorenen Klang ...“

Lumi spürte eine Gänsehaut.
Noch nie hatte sie den Wind so deutlich sprechen hören.
Finno machte einen Satz auf ihre Schulter.
Gemeinsam lauschten sie, doch die Stimme verschwand wieder.

Stattdessen begann etwas anderes.
Etwas viel Seltsameres, der Sternenkompass um Lumis Hals wurde warm.
Sie griff erschrocken danach.
Die silberne Kette leuchtete, zuerst schwach, dann immer heller.

„Das ist noch nie passiert.“

Die Kompassnadel begann sich zu drehen.

Schneller - schneller - immer schneller.

Bis sie schließlich stehen blieb.
Sie zeigte nach Osten zum Rand des Waldes.
Dort, wo kein Weg verlief.
Lumi kletterte vom Dach und Finno sprang hinterher.
Wenige Minuten später liefen sie durch den Morgentau.
Je näher sie dem Waldrand kamen, desto heller wurde der Kompass.
Schließlich erreichten sie eine kleine Lichtung.
Dort blieb Lumi abrupt stehen.

„Das kann nicht sein.“

Mitten auf der Lichtung stand eine Tür.
Einfach so.
Ohne Haus.
Ohne Mauer.
Ohne Schloss.
Nur eine einzelne Tür.
Dunkelblaues Holz, silberne Sternenmuster und eine Klinke aus schimmerndem Kristall.

Finno versteckte sich halb hinter Lumis Bein.
Seine Augen funkeln nervös.

Lumi trat vorsichtig näher.
Die Tür wirkte alt - sehr alt.
Und dennoch makellos.
Als wäre sie erst vor wenigen Sekunden entstanden.

Der Kompass begann zu summen, die Luft wurde warm.
Die Sterne auf der Tür begannen zu leuchten.

Dann hörte Lumi Schritte.
Nicht hinter sich.
Nicht vor sich.
Sondern überall gleichzeitig.
Eine Stimme erklang.

Tief. Freundlich. Alt.

„Die Tür wartet.“

Lumi wirbelte herum.

Niemand zu sehen.

Dann erschien aus einem Lichtstrahl eine goldene Eule, mit Augen die wie kleine Sonnen leuchteten.

„Wer bist du?“ fragte Lumi, die Eule antwortete „Ich bin Aurelia.“

Noch bevor Lumi antworten konnte, erklang ein Knacken.

Aus der Erde erhob sich ein kleiner Drache aus Kristall.
Sein Körper funkelte in allen Farben.
„Und ich bin Koro.“ sagte der Drache.

Ein drittes Licht erschien und aus dem Nebel schwamm ein silberner Fisch heraus. Er schwamm mitten durch die Luft, als wäre Wasser unsichtbar geworden.

„Und ich bin Nami.“ sagte der Fisch.

Lumi starrte die drei Wesen an.
„Was passiert hier?“
Die Eule senkte den Kopf.
„Das Reich braucht Hilfe.“
Der Drache nickte zustimmend.
„Der verlorene Klang verschwindet.“
Der Fisch wurde plötzlich ernst.
„Und wenn er ganz verloren geht, beginnt die Welt ihre Geschichten zu vergessen.“
Lumi schluckte und fragte:
„Was ist der verlorene Klang?“
Die drei Wesen sahen sich an.
Dann sagte Aurelia:
„Das musst du selbst herausfinden.“
„Warum ich?“
„Weil die Tür dich gewählt hat.“
Die Sterne auf dem Holz begannen heller zu leuchten und die Luft vibrierte.
Der Wind sang erneut - nun klarer als zuvor.

„Wähle ...“

Die Tür öffnete sich einen Spalt.
Dahinter war keine Dunkelheit.
Sondern Sternenlicht, unendliches Sternenlicht.

Aurelia breitete ihre Flügel aus.

„Folge mir in den Wald der vergessenen Geschichten.“

Koro schlug mit seinem Kristallschwanz auf den Boden.

„Komm mit zu den Bergen des Echos.“

Nami drehte eine elegante Schleife in der Luft.

„Oder reise zum Meer der Wolken.“

Lumi blickte zu Finno.
Der kleine Fuchs sah ebenso ratlos aus wie sie.

Drei Wege.
Drei Abenteuer.
Drei Geheimnisse.

Und nur eine Entscheidung.
Der Wind verstummte und die Welt schien den Atem anzuhalten.

Die Tür wartete, der Kompass leuchtete.

Und Lumi musste wählen…

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