Kapitel 2A: Hinab zum Schrein von Ilanthor
Liora Valen folgt dem Licht der Splitterlinse unter die Ruinen von Myr, wo Maera Valens Stimme zwischen toten Sternzeichen erwacht. Über Aelyr standen die Sterne nicht mehr still. Sie zitterten wie Funken über einem zu heißen Amboss, und in jedem Zittern lag eine Warnung. Liora Valen, Maera Valen, Kael Dornwacht waren keine zufälligen Namen mehr, sondern Knoten in einem alten Muster, das sich seit dem Kronenbruch durch Reiche, Eide und Blutlinien zog.
Der erste Schritt in diese Richtung fühlte sich klein an: eine Tür öffnen, eine Treppe hinabsteigen, eine Klinge heben, ein Schiff betreten. Doch in Aelyr waren kleine Schritte oft die gefährlichsten. Große Schlachten wurden besungen; kleine Entscheidungen blieben in Kartenrändern, Narben und Schweigen zurück.
Liora dachte an Myr, an verbranntes Holz, an die Splitterlinse in ihrer Hand. Kael dachte an einen Schwur, den niemand außer seiner Klinge noch hören wollte. Orrin hätte gelacht und einen Preis genannt, Nira hätte den Preis zuerst auf Fehler geprüft, und Serapha hätte gefragt, wie viele Leben ein Zaudern kosten dürfe. Jeder von ihnen hatte recht, und genau darin lag die Gefahr.
In der Luft lag Sternenfrost. Er setzte sich auf Haare, Leder, Stein und Metall, ohne zu schmelzen. Wo er die Erde berührte, erschienen kurze Linien aus Licht. Manche führten nach vorn, manche zurück, manche endeten mitten im Nichts. Liora wusste: Das waren keine Wege. Es waren Möglichkeiten, und Möglichkeiten konnten in falschen Händen härter sein als Ketten.
Als die nächste Entscheidung näher kam, antwortete die Welt. Im Norden erwachte ein Horn aus Eis. In der roten Steppe schlug ein Amboss ohne Hand. Über dem Mondsee drehte der Wind seinen Namen um. Und unter Ilanthors Ruinen öffnete etwas Altes ein Auge aus Sternenglas.
Am Rand der Karte erschien eine Überschrift, die niemand geschrieben hatte: Der Schrein von Ilanthor. Darunter standen drei Linien. Eine war golden, eine blau wie Dämmerlicht, eine rot wie Glut unter Asche. Aelyr wartete nicht auf Helden. Aelyr wartete auf Menschen, die wussten, dass jede Rettung zuerst wie ein Fehler aussehen konnte.