Kapitel 1: Der Stern fällt in Myr

In der Nacht, in der der Stern fiel, schlief Myr mit offenen Augen. Auf den Dächern der Grenzstadt lag noch der Staub des alten Archivbrands, obwohl seit sieben Jahren jede Regenzeit darüber hinweggegangen war. Wachfeuer brannten auf den Mauern. Hunde bellten in den Gassen. Im Osten stand der Frostgrat als schwarze Linie gegen den Himmel, und dahinter, irgendwo jenseits der Eiswege, sammelte Serapha von Eiskron ihre Dämmerlegion.

Liora Valen saß im verbrannten Sternenarchiv und zeichnete eine Karte, die es nicht geben durfte. Vor ihr lag Pergament aus Traumseide, dünn wie Atem. Darauf verliefen die alten Königsstraßen von Ilanthor, doch keine Tinte hielt lange genug, um sie zu bannen. Jeder Strich löste sich nach wenigen Herzschlägen wieder auf, als weigere sich die Welt, sich an ihre eigenen Wege zu erinnern.

Die Splitterlinse ihrer Mutter lag neben dem Tintenfass. Sie war kaum größer als eine Münze, ein unregelmäßiges Stück Himmelsglas, am Rand milchig, im Kern klar wie gefrorenes Sternenlicht. Maera Valen hatte sie Liora am Morgen vor dem Brand gegeben und gesagt: Wenn die Karten lügen, glaub dem Riss. Danach war Maera verschwunden, das Archiv hatte gebrannt, und Haus Valen war in den Liedern der Sonnmark vom Hüterhaus zum Verräterhaus geworden.

Liora setzte die Linse vor ihr rechtes Auge. Sofort wurde das Archiv tiefer. Verbrannte Balken trugen plötzlich goldene Markierungen. Die leeren Regale füllten sich mit Geisterschatten alter Kartenrollen. Unter dem Boden erschien ein Kreis aus sieben Zeichen: Sonne, Mond, Amboss, Meer, Dorn, Spiegel und Krone. Das letzte Zeichen glühte, als hätte jemand darunter ein Herz aus Licht begraben.

Draußen schlug die Sturmglocke. Einmal. Zweimal. Dann ein drittes Mal, zu früh und zu hart. Liora riss die Linse vom Auge. Durch das zerbrochene Fenster sah sie den Stern fallen. Er kam nicht wie eine Feuerkugel, sondern wie eine kalte Nadel aus weißem Licht. Er schnitt die Wolken auf, traf jenseits des Sonnentors die alte Zisterne und ließ für einen Atemzug alle Schatten der Stadt in die falsche Richtung fallen.

Aus dem Kreis unter dem Archivboden kroch Frost. Er war nicht nass, nicht kalt wie Winter, sondern klar und scharf wie ein unausgesprochener Name. Die Splitterlinse sprang von selbst in Lioras Hand. In ihrem Inneren erschien eine Stimme, zuerst als Flimmern, dann als Flüstern. Liora. Meine kleine Sternsucherin. Wenn du mich hörst, dann hat die erste Scherbe Myr erreicht.

Liora hielt den Atem an. Sie hatte die Stimme ihrer Mutter oft aus Erinnerung zusammengesetzt: wärmer, tiefer, manchmal strenger, wenn sie sich selbst warnen wollte. Aber das hier war keine Erinnerung. Die Stimme kam aus dem Himmelsglas, und jedes Wort ließ die sieben Zeichen unter dem Boden heller werden.

Ein schwerer Schritt knarrte auf der Treppe. Kael Dornwacht erschien im Türrahmen, den Mantel voller Asche, die Eidklinge gezogen. Die Klinge Armath leuchtete blassblau. Das tat sie nur, wenn ein Schwur in der Nähe brach oder sich gerade neu band. Hinter ihm flackerte rotes Licht von den Mauern. Myr wurde angegriffen.

Dämmerreiter, sagte Kael. Drei Banner. Vielleicht mehr hinter dem Tal. Seraphas Runen sind auf ihren Schilden. Er sah auf die leuchtenden Zeichen im Boden, dann auf die Linse in Lioras Hand. Sag mir, dass das nicht ist, wonach es aussieht.

Das ist eine Kronenscherbe, antwortete Liora, obwohl sie es erst in dem Moment wusste, in dem sie es aussprach. Die Worte waren wie ein Schlüssel. Unter dem Boden antwortete etwas mit einem tiefen Ton, und die alte Steinplatte in der Mitte des Archivs hob sich um eine Fingerbreite. Sternenfrost wirbelte daraus hervor und zeichnete eine Treppe in die Luft, Stufe für Stufe, hinab in Dunkelheit.

Kael fluchte leise. Unten in der Stadt schrien Menschen. Das Sonnentor bebte unter einem Schlag, und für einen Augenblick sah Liora durch das Fenster eine Gestalt auf dem Hügel jenseits der Straße: schlank, reglos, in weißem Fell und schwarzer Rüstung. Serapha von Eiskron war nicht selbst dort, das wusste Liora. Aber ihre Befehlsrunen konnten Gesichter tragen, und dieses Gesicht lächelte.

In der Splitterlinse wurde Maeras Stimme schwächer. Drei Wege, Liora. Keiner ist sicher. Du kannst zum Schrein hinabsteigen und die Scherbe wecken. Du kannst Kael helfen, das Sonnentor zu halten, bevor Myr fällt. Oder du kannst fliehen, solange Orrins Windfähre noch im Westfeld liegt. Wenn Serapha die Scherbe vor dir bindet, endet diese Welt nicht mit Feuer. Sie endet mit Gehorsam.

Liora sah auf ihre Karte. Wo eben noch unvollständige Linien gewesen waren, brannten nun drei Routen. Eine führte unter das Archiv, tief in die vergessenen Fundamente von Ilanthor. Eine führte durch Rauch und Kampf zum Sonnentor. Eine führte hinaus aus Myr, über Mondgras und staubige Felder, dorthin, wo ein altes Schiff mit gefalteten Segeln auf trockenem Land wartete.

Kael trat neben sie. Seine Klinge hörte nicht auf zu leuchten. Ich kann dich nicht auf allen Wegen schützen, sagte er. Liora lachte einmal, kurz und hart, weil die Angst sonst die Hände übernommen hätte. Dann schob sie die Splitterlinse in die Halterung ihres Kartenkompasses und sah, wie alle drei Routen gleichzeitig wahr wurden.

Über Myr fiel Asche. Unter Myr erwachte eine Krone. Und am Himmel blieb dort, wo der Stern herausgebrochen war, ein schwarzer Riss zurück.

Weiterlesen