Kapitel 3B: Jaros verbotene Karte
Jaro zeichnet eine Straße ein, die erst existiert, nachdem seine Feder sie berührt. Der Regen machte aus jedem Geräusch eine zweite Bedeutung. Auf den Dächern klang er wie Applaus, in den Gassen wie Warnung, und in Maras Mantelkragen wie eine Stimme, die ihren Namen übte. Mara Venn, Jaro Venn waren keine Figuren in einer Akte mehr, sondern Knoten in einem Netz, das sich bei jedem Schritt enger zog.

Mara schrieb die ersten Beobachtungen in ihr Notizbuch: Uhrzeit, Geruch, Widerspruch. Uhrzeit: kurz nach zwei. Geruch: kalter Rauch und Hafenwasser. Widerspruch: Die Straße, auf der sie stand, war laut Stadtplan eine Sackgasse, führte aber vor ihr in eine Treppe aus gelbem Licht. Sie hatte gelernt, Widersprüche nicht zu glätten. In Arven waren sie Türen, und Türen wurden gefährlich, wenn man so tat, als seien sie Wände.
Die Entscheidung, die vor ihr lag, war nicht groß genug für ein Denkmal, aber groß genug für ein Leben. Sie konnte der Spur folgen und riskieren, dass die Stadt ihr eine Erinnerung stahl. Sie konnte umkehren und Jaro suchen, dessen Karten manchmal ehrlicher waren als Menschen. Oder sie konnte Severin Holt direkt stellen, wohl wissend, dass der Bürgermeister jedes Gespräch wie ein Schachbrett behandelte und jedes Schweigen wie eine Unterschrift.
In der Ferne schlug eine Uhr dreizehn Mal. Tilda Quell hätte darüber gelacht und gesagt, die Stadt sei heute höflich, sie warne wenigstens. Dann zitterte das Wasser in den Rinnsteinen. Für einen Atemzug sah Mara darin das Gesicht ihrer Mutter, Elin Raun, nicht alt, nicht tot, sondern wartend. Elins Lippen formten ein Wort. Es war kein Hilferuf. Es war eine Anweisung.
Als Mara den nächsten Schritt machte, veränderte sich Arven. Ein Fenster im Oberdeck erlosch, obwohl niemand dort wohnen sollte. Im Hafenviertel riss eine Karte von selbst entlang einer Linie, die Jaro nie gezeichnet hatte. Unter dem Rathaus antwortete ein Zug mit einem langen, traurigen Pfiff. Das Kapitel endete nicht mit einer Antwort, sondern mit drei Wegen, und alle drei wirkten, als hätten sie schon lange auf sie gewartet.

Am Rand der Seite erschien in Silbertinte eine Überschrift, die Mara nicht geschrieben hatte: Die falsche Karte. Darunter standen drei leere Zeilen. Die Stadt wollte, dass jemand weiterschrieb. Zum ersten Mal fragte Mara sich, ob jede Geschichte in Arven nur deshalb weiterging, weil jemand mutig genug war, den falschen Satz nicht zu streichen.