Kapitel 1: Das Archiv im Regen
Der Regen begann kurz nach Mitternacht, aber in Arven war das keine Nachricht. In dieser Stadt regnete es oft, manchmal tagelang, manchmal nur in einzelnen Straßen, manchmal aus Wolken, die niemand am Himmel sehen konnte. Mara Venn saß im Kellerarchiv des Rathauses und sortierte Akten, deren Jahreszahlen sich jedes Mal veränderten, wenn sie blinzelte. Auf dem Tisch lag ein Brief ohne Absender. Das Papier war trocken, obwohl es nach nassem Stein roch.
Im Brief stand nur ein Satz: Suche den Bahnhof, bevor sich jemand an ihn erinnert. Mara las ihn dreimal. Beim vierten Mal fehlte das Wort Bahnhof. Beim fünften Mal stand es wieder dort, diesmal mit Tinte, die langsam silbern wurde. Sie griff nach ihrem Notizbuch, dem einzigen Gegenstand, dem sie in solchen Nächten vertraute. Was sie hineinschrieb, blieb. Was sie nicht hineinschrieb, konnte Arven verschlucken.
Über ihr knarrten die Dielen. Das Rathaus war offiziell leer, doch Mara hörte Schritte im Treppenhaus. Langsame Schritte, schwere Schritte, als trage jemand Wasser in den Schuhen. Dann klopfte es an die Archivtüre. Nicht laut. Nicht drohend. Drei Mal, genau im Takt der alten Standuhr, die seit acht Jahren nicht mehr funktionierte.
Mara löschte die Lampe nicht. Angst machte Dinge in Arven nur neugieriger. Sie nahm den Brief, steckte ihn zwischen zwei Seiten ihres Notizbuchs und öffnete die unterste Schublade ihres Schreibtischs. Darin lag ein rostiger Schlüssel, den sie nie zuvor gesehen hatte. An seinem Griff hing ein Schild: Gleis 0.
Als sie die Tür öffnete, stand niemand davor. Nur eine Spur aus dunklem Regenwasser führte den Flur entlang, hinab zu einer Wand, an der seit jeher ein verblasstes Stadtwappen hing. Jetzt war dort ein Durchgang. Dahinter flackerte gelbes Licht. Mara hörte das ferne Kreischen von Bremsen, obwohl in Arven seit Jahrzehnten kein Zug mehr fuhr. Sie konnte dem Wasser folgen, den Bürgermeister wecken oder den Brief verbrennen, bevor die Stadt merkte, dass sie ihn gelesen hatte.